Regionale touristische Angebote gibt es wie Sand am Meer. Das ist gut für die Anbieterseite, jedoch meist unübersichtlich für potentielle Interessenten und eher schlecht für die uns umgebende Natur- und Kulturlandschaft. Die meisten Anbieter setzen dabei konsequent auf die Vermarktung touristischer Leuchttürme und Massenpfade. Dafür wird sehr viel Werbegeld ausgegeben. In die eher stillen Seiten der sächsischen Landeshauptstadt und der umliegenden Regionen wird hingegen deutlich weniger Aufmerksamkeit und Geld investiert. Dabei sind es oftmals erst die verborgenen Schätze, die den wahren Wert einer Region ausmachen. Doch wer kennt sie schon, diese Schätze? Wer weiß, wo er suchen muß, um fündig zu werden? Dazu gehört mehr, als eine perfekt geölte Marketingmaschine und autobahnähnliche Trassen für Großgruppen.
Auf der Webseite www.auf-touren.de ist vor wenigen Tagen ein Angebot der etwas anderen Art veröffentlicht worden. Getreu dem Motto “Touren per Pedes – Denn nur wo man zu Fuß war, war man wirklich!” werden insgesamt rund 150 Touren durch Sachsen und Böhmen vorgestellt. Das Spektrum reicht von der ca. 2-stündigen Natur- und Landschaftsführung durch den Nationalpark Sächsisch-Böhmische Schweiz über Tagestouren durch das Dresdner Umland, die Nationalparkregion, das Osterzgebirge und angrenzende Gebiete Nordböhmens (Tschechische Republik) bis hin zu Wochenendcamps in der Sächsischen Schweiz, dem Böhmischen Paradies und der Daubaer Schweiz. Das “Genußwandern auf Mallorca” darf hingegen getrost als “Exot” bezeichnet werden.
Allen Touren- und Führungsangeboten ist die klare naturkundliche Orientierung gemeinsam. Jedes einzelne Angebot beschäftigt sich mit Naturphänomen in einem Schutzgebiet von nationaler und/oder europäischer Bedeutung. Die für Kleingruppen von maximal 15 Teilnehmern ausgelegten Routen verlaufen überwiegend durch Landschafts- und Naturschutzgebiete, Naturparks, Natura-2000- und FFH-Gebiete, durch Flächennaturdenkmale oder den Nationalpark Sächsisch-Böhmische Schweiz. Auf der Insel Mallorca richtet sich das Hauptaugenmerk auf das geplante UNESCO-Weltkulturerbe “Serra Tramuntana”, den Naturpark S’Albufera und andere, bisher noch nicht geschützte Naturrefugien.
Was alle Angebote weiterhin eint, ist die Erreichbarkeit der jeweiligen Ziele mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrgemeinschaften und der bewußte Verzicht auf Großgruppen. Auf den ersten Blick wären Großgruppen zwar profitabler, aber das individuelle Naturerlebnis ist ohnehin nicht mit monetären Werten zu beziffern. Intakte Natur ist ein Wert an sich, jenseits aller menschlichen Maßstäbe. Wenn es gelingt, im Natur-Besucher – gleichgültig, ob Bewohner der Region oder Tourist – Neugier und Interesse für die ihn umgebende großen und kleinen Naturphänomene zu wecken, dann wird damit ein gutes Stück Natur- und Umweltschutz im besten Sinne des Wortes geleistet. Nicht der pädagogische oder disziplinäre Zeigefinger ist das Mittel der Wahl, sondern das Vermitteln des individuellsten aller Naturerlebnisse durch Naturinterpretation und Interaktion. Sehen, hören, riechen, tasten, schmecken – die Sinne werden aktiviert. Was man mit allen Sinnen erfaßt, nimmt man intensiver wahr. Was man bewußt wahr nimmt, lernt man kennen. Was man kennt, lernt man schätzen. Und was man schätzt, ist man auch bereit zu schützen.
Angebote wie das hier vorgestellte leisten nicht nur einen unschätzbaren Beitrag zur Umweltbildung und zum gelebten Natur- und Umweltschutz. Sie können auch auf ressourcenschonende Weise zu einem sinnvollen, regionalen Wirtschaftskreislauf beitragen. Indem interessierte Menschen in Mikroregionen geführt werden, die auf Grund besonderer staatlicher Schutzmaßnahmen, ihrer vermeintlichen Randlage oder ihrer nicht vorhandenen Infrastruktur für den Massentourismus uninteressant sind, werden dort wertvolle wirtschaftliche Impulse ausgelöst. Die in eine Mikroregion geführte Kaufkraft wird in der Regel dort abgeschöpft und wirkt sinn- und nutzstiftend unmittelbar vor Ort. Insofern kann ein sanfter, ressourcenschonender, nachhaltiger – eben “grüner” – Tourismus durchaus auch ein Wirtschaftsfaktor sein. Oder besser gesagt: er kann es werden. Denn zuerst muß er zum Leben erweckt und in den Herzen möglichst vieler Menschen als Bedürfnis verankert werden.